Brexit und die Folgen

Der Brexit und die Folgen für Großbritanien
Seit einiger Zeit steht nicht mehr Griechenland, sondern Großbritannien als ein möglicher Austritts-Kandidat aus der EU im Fokus. Was die Hintergründe dieses möglichen Austritts, bzw. Brexit sind, welche Auswirkungen er auf Briten und die EU haben könnte und wie viel Austritte der Euro verkraften kann, wird der folgende Artikel zu beantworten versuchen.

Zu den Hintergründen des Brexit

Großbritannien ist von Anfang an ein „unsicherer Kantonist“ in der EU gewesen. Bereits in der alten EWG hatte die Insel einen Sonderstatus inne; die Vorbehalte von Teilen der britischen Bevölkerung sind alt und weitverbreitet. Neuen Auftrieb haben diese Vorbehalten vor allem im letzten Jahr angesichts der zunehmenden Einwanderung nach Großbritannien und der deutschen Flüchtlingspolitik erhalten bzw. auch durch die Art, wie sich die EU hier durch Inkompetenz und Zerstrittenheit auszeichnete.

Man ist in Britannien keinesfalls geneigt, eigene Kompetenzen an Bürokraten in Brüssel abzugeben – so ist zumindest die allgemeine Empfindung. Wirtschaftliche Erwägungen scheinen bei vielen Bürgern weniger im Vordergrund zu stehen als vielmehr die Angst der Steuerung durch ein Heer von Technokraten in Brüssel. Angesichts des allgemeinen Unbehagens hat Premier Cameron für den Juni eine Volksbefragung anberaumt, um zu klären, ob es ein Referendum über den Brexit geben solle.

Die wirtschaftlichen Folgen eines möglichen Austritts werden dabei auf dem Kontinent als auch in den britischen Zeitungen ausführlich debattiert.

Mögliche Folgen eines Austritts

Dabei fällt es schwer, diese zu quantifizieren, da ein Austritt eines Mitgliedsstaates aus der EU bisher noch nicht vorkam, hier also Neuland betreten wird. Denkbar sind Nachteile für die britischen Exportunternehmen, da sie nicht mehr dem EU-Binnenmarkt angehören würden (und die EU Zölle verhängen könnte). Möglich wären auch der Rückzug von Kapitalgebern aus Britannien sowie ein neuer Abspaltungsversuch Schottlands, welches mehrheitlich Pro-EU eingestellt ist. EU-freundliche Ökonomen haben bereits auszurechnen versucht, dass das Bruttosozialprodukt des Vereinigten Königreichs im Jahre 2030 um 3% niedriger ausfallen könnte.

Allerdings haben Langfristvorhersagen für Finanzen in 14 Jahren in etwa denselben Wert wie Vorhersagen über das Wetter in 14 Jahren. Auf der anderen Seite gibt es auch in Europa mit Norwegen und der Schweiz Staaten, die keine EU-Mitglieder sind und Handel mit der EU betreiben – es wäre also eine Frage der Neuverhandlung von Zöllen und Handelsbestimmungen. Ebenso wäre die Frage der künftigen Einreise von Arbeitskräften zu klären, welche im Moment auf Seiten der EU-Gegner in Britannien das stärkste Austrittsargument darstellt.

Folgen für die EU

Für die EU könnten die Folgen kurzfristig weniger dramatisch als langfristig ausfallen. Großbritanniens Brexit und damit Ausfall als Nettozahler innerhalb der EU wäre zwar ärgerlich, aber wirtschaftlich verkraftbar (2014 hatte das Vereinigte Königreich in absoluten Zahlen fünf Mrd. € an die EU zur Förderung anderer Staaten überwiesen; Deutschland hatte zum Vergleich 15 Mrd. gezahlt).

Großbritannien ist innerhalb der EU vor allem Importland; es müssten daher primär neue Handelsbestimmungen erlassen werden. Sollten diese allerdings so ausfallen, dass Großbritannien weiter Handel mit der EU betreiben könnte, als wäre man noch EU-Mitglied, könnten weitere EU-Staaten sich zum Austritt ermutigt fühlen.

Vor allem unter dem Aspekt der von der EU geforderten Austeritätsmaßnahmen in der Südschiene der EU ist dies eine reale Gefahr. In Griechenland herrscht ein fragiler Zustand und in Italien und Spanien sind mit den Parteien Movimento 5 und Podemos starke Graswurzelbewegungen entstanden, welche den Austritt aus der EU fordern. Auch in den ehemaligen Ostblock-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei besteht im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise zunehmender Widerstand gegen die EU.

Ein erfolgreicher Neustart Großbritanniens wäre somit Wasser auf die Mühlen der EU-Gegner.

Zusammenfassung

Dass der Brexit für die Briten desaströs ausfallen würde, ist möglich, kann aber nicht mit Sicherheit prognostiziert werden. Eher dürfte der Austritt einen für den Erhalt der EU gefährlichen Präzedenzfall schaffen: Gelänge nämlich Großbritannien der erfolgreiche Neustart (welcher für den Bankenstandort durchaus denkbar ist), hätte man gezeigt, dass es auch ohne Brüssel geht.

Die Sorgenfalten auf den Stirnen mancher Beamter aus Brüssel dürften daher in den nächsten Monaten eher tiefer werden.

Bildquelle: bigstock-ID-113231882-by-JegasRa

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