Finanzmärkte: Gewinner und Verlierer nach dem Brexit

BREXIT - Die UK hat entschieden!Foto ©Bigstock
Am 23. Juni 2016 hatten die Wähler im Vereinigten Königreich die Möglichkeit, über ihren Verbleib oder den Abschied aus der Europäischen Union abzustimmen – dem Votum um den BREXIT. Mit knapp 52% konnte das Lager der sogenannte „Leaver„, also jener, die für einen Abschied sind, die Wahl für sich entscheiden. Bereits kurz nach der Wahl wurde aber klar, dass weder die Wähler noch die Politik sich für diesen Fall ernsthaft vorbereitet haben. Vor allem die weltweiten Finanzmärkte haben darauf mit einem Schock reagiert, der in allen Börsen zu spüren war. Nachdem der erste Schock verflogen ist, stellt sich nun allerdings die Frage, wie sich die Finanzmärkte mit der neuen Situation arrangieren werden.

Was sind die Folgen durch den sogenannten Brexit?

Der Brexit, also das Verlassen von Großbritannien der EU, ist ein Szenario, das für viele Experten noch immer schwer zu durchschauen ist. Weder die Experten in Brüssel und erst recht nicht die Politiker in England scheinen derzeit absehen zu können, wie sich ihre Märkte in den nächsten Jahren verändern werden. Das liegt auch daran, dass man allen Seiten einen gewissen Mangel an Vorbereitung für dieses Szenario unterstellen muss. Nicht einmal die Engländer, die beinahe zwei Jahre hatten, sich auf dieses Votum vorzubereiten, haben bisher durchblicken lassen, welche Veränderungen es geben könnte und geben wird. Im Gegenteil, mit dem Rücktritt des Premierministers David Cameron und dem Kampf um seine Nachfolge ist das britische Königreich derzeit quasi führungslos.

Bedenklicher sind etwaige Entwicklungen auf den Finanzmärkten. In den Tagen direkt nach dem Votum gab es bei den Börsen in Amerika und Europa mitunter deutliche Einbrüche. Vor allem Banken, Versicherungen und Kreditinstitute mussten spürbare Verluste bei ihren Kursen hinnehmen. Dabei ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal klar, ob sich die Briten am Ende wirklich für den Ausstieg aus der EU entscheiden oder ob man einige Schritte zurück machen wird. Die möglichen Folgen sind daher hypothetischer Natur und basieren vor allem auf möglichen Szenarien, die von Experten in das Spiel gebracht worden sind:

  • Ausstieg aus der EU bedeutet Ausschluss vom europäischen Binnenmarkt für die Briten. Dies könnte Folgen für den Im- und Export in Europa haben.
  • Verlust des zentralen Standortes London für die europäischen Kreditinstitute und Banken. Diese müssten sich nach einem neuen Standort umsehen.
  • Mögliche Einbrüche in der Wirtschaft von England. Das Pfund hat bereits jetzt große Anteile seines Wertes verloren.

Die möglichen Folgen sind also drastisch und bisher quasi noch nicht abzusehen. Sicher ist nur, dass sich in jedem Fall etwas auf den Finanzmärkten von Europa verändern wird.

Welche Änderungen werden am britischen Finanzmarkt spürbar sein?

London gilt mit seiner Präsenz an Banken und durch die spezielle Gesetzgebung in England und dem Großraum London als der zentrale Punkt der Finanzwirtschaft in Europa. Neben Frankfurt handelt es sich um den wichtigsten Standort und Handelsplatz für Wertpapiere und Finanzprodukte jeder Art. Ein wichtiger Faktor war dafür aber stets der Zugang zu den europäischen Märkten. Mit einem Brexit, also dem Ausstieg aus der EU, würde sich dieser Punkt deutlich verändern. Die Banken hätten nicht nur keinen Zugriff mehr auf die Märkte der EU, sie müssten sich langfristig neu orientieren und dafür sorgen, dass sie wieder einen Zugriff auf die anderen Märkte in Europa erhalten. Dies würde das Gesicht von London und die so wichtige Finanzwirtschaft von England stark verändern.

Noch ist nicht klar, wie sich England und Europa genau einigen - Ein harter Einschnitt scheint aber unausweichlich

Noch ist nicht klar, wie sich England und Europa genau einigen – Ein harter Einschnitt scheint aber unausweichlich

Bereits jetzt haben einige regionale und internationale Banken angekündigt, dass sie weitere Investition in den Standort stoppen werden. Dies gilt mindestens so lange, bis die unmittelbaren und mittelfristigen Folgen der Entscheidung der Briten abzusehen sind. Sollte es am Ende tatsächlich dazu kommen, dass Großbritannien den sogenannten Artikel 50 aktiviert und sich für einen Austritt aus der Union entscheidet, dürfte dies das Ende von London als globaler Finanzmarktplatz sein. Gleichzeitig würden wohl andere europäische Märkte von den Entwicklungen profitieren und einen gewichtigeren Anteil im Spiel der Finanzkräfte erhalten.

Wer könnten die Gewinner aus dem Brexit sein?

In den ersten Wochen nach dem Brexit scheint es so auszusehen, als gäbe es eigentlich nur Verlierer aus der Entscheidung. Das Vereinigte Königreich bringt sich in eine sehr riskante Position und gleichzeitig verliert die EU eines seiner Schwergewichte. Langfristige Folgen für den Handel sind wahrscheinlich und wie die entsprechenden Volkswirtschaften die Veränderungen verkraften werden, steht ebenso in den Sternen, wie politische Folgen aus der Entscheidung in England, Wales, Schottland und Nordirland. Bereits jetzt zeichnet sich aber ab, dass andere Länder in der EU von den Entwicklungen in England und London profitieren könnten. Da die Banken weiterhin einen Standort für ihre Geschäfte in Europa brauchen, werden sie sich nach einem anderen Marktplatz umsehen, an dem sie ihre Geschäfte abwickeln können.

Als einer der wichtigsten Standorte in Europa wird Frankfurt bei der Suche nach einer Alternative natürlich eine besondere Rolle einnehmen. Schon heute gilt die Metropole am Main als eines der wichtigsten Zentren für die Weltwirtschaft. Viele Banken könnten sich entschließen, dass sie auch von diesem Ort den Handel mit Europa eingehen können. Allerdings bringt sich auch Dublin ins Gespräch. Irland hat eine besondere Gesetzgebung, die bereits jetzt viele Versicherungen und Konzerne anzieht. Ebenso möchte Paris ein Stück vom möglichen Kuchen haben, der durch die Entwicklung des Brexit zur Verfügung steht. Langfristig könnte bei einem Ausstieg der Briten also auch interessant sein, welches Land in der EU zum größten Gewinner in der Finanzwirtschaft wird.

Werden Produkte in Europa durch den Brexit teurer?

Wie sich die Entwicklungen für den Konsumenten auswirken werden, ist natürlich bisher noch nicht einfach so abzusehen. Bereits jetzt haben die Veränderungen bei den Kursen der Währungen allerdings dafür gesorgt, dass die Importe aus Großbritannien günstiger werden und die Exporte dorthin teurer. Da es sich bei Großbritannien aber eher um einen starken Importeur handelt, sind kurzfristige Veränderungen bei den Preisen durchaus als wahrscheinlich anzusehen. Ob und wie sich das in Deutschland halten wird, wäre jetzt noch Spekulation. Der Euro hat sich aber nach einem kurzen Sturz wieder stabilisiert. Da höchstens Dienstleistungen von den britischen Inseln eingeführt werden, könnte sich aber im geschäftlichen Bereich einiges verändern. Viele andere europäische Länder sehen hier aber bereits ihre Chance, die Lücke zu füllen, die Großbritannien in diesem Fall hinterlassen würde.

Bildquelle: Bigstock

 

 

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